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Gibt es zu viele gute Spiele?

Gestern saß ich spätabends im Bett und suchte auf Netflix nach etwas zum Anschauen vorm Schlafen gehen. Ich scrollte durch die Serien und Dokus und dachte mir immer wieder, cool das würde ich gerne sehen! Am Ende habe ich Netflix wieder aus gemacht und ein Lets Play auf Youtube geschaut. Was das mit guten Videospielen zu tun hat?

Nichts, außer einem grundlegenden Problem. Das Gleiche passiert mir regelmäßig vor meinem Spieleregal oder beim Durchschauen meiner Steam Bibliothek. Von den Gratisspielen die ich aus dem Epic Store abgegriffen habe fange ich gar nicht erst an. Dabei sind da überall mindestens gute Spiele.

Wann ist zu viel zu viel?

Genau das bringt mich zu meiner, zugegeben, etwas provokanten und auf den ersten Blick sogar paradoxen These. Wir haben zu viele gute Spiele. Das geht sogar so weit, dass ich dadurch eher weniger spiele. Aber woran liegt das? Bin ich einfach nur auf eine besondere Art verrückt?

Nein, ich bin mit diesem Phänomen nicht alleine. Der Podcast Auf ein Bier mit ging im Jahr 2017 auch schon genau dieser Frage nach. Sicher geht es trotz guten Gründen dafür, die ich euch gleich noch präsentieren werde, nicht allen gleichermaßen so. Eigentlich ist das ja auch eine super Sache für uns Spieler.

Die Flut der guten Spiele

Für eine Diskussion in den GamePro Kommentaren habe ich, ebenfalls gestern, mal geschaut was uns das Spielejahr 2020 Ende April denn schon so für Highlights beschert hat. Dabei kam ich auf 9 Konsolentitel mit einer Wertung von 87 oder höher! Dabei habe ich Releases von Spielen die für bestimmte Plattformen bereits in den Vorjahren erschienen sind extra raus gelassen.

Gute Spiele sind natürlich nicht nur an einer einfach Wertung einen Spielemagazins fest zu machen. Trotzdem eignen sich Wertungen für einen schnellen Überblick. Dazu kommt, dass wir uns sicher einigen können, dass Gut nicht erst bei einer 87 anfängt. Selbst wenn wir 80+ als Maßstab ansetzen ist das schon Streng. Dann wird die Anzahl der Releases ganz schnell unübersichtlich. Klar wächst der Videospielmarkt immer weiter, was mehr Platz für Spiele schafft. Aber auch Gefahren birgt.

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Da es trotz vielseitiger Möglichkeiten wie Sales und Abos nicht billig ist viele aktuelle Games zu zocken, dürfte es für viele von uns unmöglich sein alles zu spielen. Das führt zwangläufig dazu, dass vermeintliche Top Titel einfach untergehen. Da steckt ja auch einiges an Aufwand und damit ordentlich Kohle drin. Dazu  kommt, dass die Spielzeit für einen Titel auch noch immer länger wird.

Bethesda konnte in den Jahren 2016 und 2017 ein Lied davon singen. In dieser Zeit erschienen Dishonored 2 (88), Prey (85), The Evil Within 2 (88) und Wolfenstein 2 (89). Die Zahlen in der Klammer sind die Wertungen der GamePro. Das sind alles absolute Top Titel und alle nur mäßig erfolgreich.

Quelle Verkaufszahlen: https://www.playcentral.de/wolfenstein-2-leak-so-schlecht-sollen-die-verkaufszahlen-der-pc-version-aussehen/

Der Gamepass als Verstärker

Gerade der Gamepass von Microsoft verdient einen genaueren Blick. Vorneweg der Gamepass war eigentlich der einzige Grund warum wir uns letztes Jahr eine Xbox gekauft haben. Ich mag es für ein Paar Euro viele schöne Games zocken zu können. Theoretisch zu Mindest. Es stellt sich auch hier ganz schnell das oben beschriebene Phänomen ein.

Ich schaue auf die tolle Liste an Spielen die ich mir voller Vorfreude runtergeladen habe und spiele diese im besten Fall auch mal an. Wirklich viel Zeit habe ich bisher aber auch nur in Forza, Black Dessert Online und Ori investiert. Forza ist die wohl aktuell beste Rennspielserie und Ori das beste Jump & Run bzw. Metroidvania seit einiger Zeit. Beide ragen heraus! BDO ist hier eine Ausnahme, da ich einfach MMO Fan bin.

Ori and the will of the wisps grafik lichtung

Unseren Durchgespielt-Artikel zu Ori gibt es hier: Ori And The Will Of The Wisps – Durchgespielt

Auf der Strecke bleiben die ganzen tollen Multiplattformtitel die sich in Microsofts Abo tummeln. Da ich sie alle jederzeit spielen kann sind sie irgendwie beliebig. Noch beliebiger als Spiele die ich mir regulär im Laden gekauft habe und selbst diese Retail Käufe bleiben im Regel stehen wenn sie nicht heraus ragen. Das müssen dann auch gar nicht zwangsläufig brillante 90+ Games sein.

Was können Entwickler tun?

Kommen wir zum Schluss auf die Konsequenzen die man aus zu vielen guten Games ziehen könnte. Schlechtere Spiele sind sicherlich keine gute Idee, aber gerade für große Publisher wird irgendwann der Punkt kommen an dem man mit gutem Einheitsbrei kein Geld mehr verdienen wird. Service Games sind ja schon ein Schritt in die Richtung, sich auf große langlebige Spiele zu konzentrieren. Auch zeigte das oben genannte Bethesda Beispiel, das ein unverbrauchtes Szenario keine Garantie für Erfolg darstellt.

Was sind Service Games, wo liegen Chancen und Risiken? Das erfahrt ihr hier: Service Games

Wirklich durch gesuchtet habe ich in den letzten Jahren Persona 5 (92), Nier: Automata (87), Witcher 3 (92), God Of War (93), Life Is Strange (85) und Celeste (90). Das sind alles auf ihre Weise besondere Erlebnisse, die es entweder in dieser Form nicht so richtig gab oder die bestehende Konzepte auf ein neues Level bringen. Für das hundertste Ubisoft Open World Spiel ist da einfach kein Platz mehr. Auch wenn hier die Verkaufszahlen in den meisten Fällen noch stimmen.

Die „Alles auf eine Karte“ Strategie

Hier lohnt sich der Blick auf Entwickler CD Projekt Red. Mit Witcher 3 haben sie einen Meilenstein der Rollenspiele geschaffen, der auf vielen Listen der besten Spiele aller Zeiten ganz oben steht. Der Witcher verkauft sich auch fünf Jahre nach erscheinen noch gut. Mit Cyberpunk 2077 steht die nächste Veröffentlichung an die Großes verspricht.

Gibt es zu viele gute Spiele Witcher 3

Auch Bethesda als Entwickler passt in diese Kategorie. Zu Mindest wenn wir den Unfall Fallout 76 mal wohlwollend außen vor lassen. Jeder Elder Scrolls und Fallout Teil ist herausragend. Gerade Skyrim wird bis heute noch gerne gespielt und lebt dank der unzähligen Mods weiter.

Blizzard wäre ein weiterer Kandidat, wobei wir das mittlerweile nur noch eingeschränkt so sehen können. Jedes Spiel war bis vor kurzem noch ein Volltreffer und blieb jeweils viele Jahre in den Köpfen der Spieler.

Die „Last auf viele Schultern“ Strategie

Natürlich steigt bei diesem Vorgehen auch das Risiko erheblich. Wenn die Last auf mehrere Schultern verteilt wird fällt ein Ausfall nicht so ins Gewicht, als wenn man alles auf eine Karte setzt. Deshalb schauen wir nochmal zurück auf Bethesda als Publisher in den Jahren 2016 und 2017. Oben hatte ich ja geschrieben, dass einige tolle Titel hinter den Erwartungen zurück blieben. Dann war da aber auch noch das Reboot von Doom was sich dafür mehr als prächtig verkaufte.

Gerade die großen Publisher wie EA und Ubisoft, plus die dazu gehörigen Studios, können durch ihre bloßen Namen und die ihrer Marken, trotz nur guten Spielen, erhebliche Umsätze generieren. Neben den üblichen Cash Cows haben es neue Marken trotzdem ziemlich schwer. Außerdem scheiterten beide Publisher zuletzt, teilweise sehr Eindrucksvoll, mit ihren Versuchen Service Games zu etablieren.

Der große Name reicht also schon heute nicht mehr aus einen garantierten Hit zu landen. Auch der Hoffnungsträger der Abomodelle wird das eher noch verschärfen auf Dauer.

Was können die Spielemagazine beitragen?

Ein weiterer interessanter Aspekt sind die Spielemegazine. Ich erinnere mich Ende der 90iger Jahre in der Gamestar in jeder Ausgabe mehrere wirklich schlecht bewertete Spiele gesehen zu haben. Diese sind großteils verschwunden. Ist ja auch nachvollziehbar. Warum Kapazitäten für wirklich schlechtes verschwenden was eh kaum wen interessiert? Das hat aber auch zur Folge, dass die Wertungsskala im wesentlichen erst bei 60% oder 6 von 10 Punkten, je nach Wertungssystem, überhaupt beginnt. Ganz selten kommt noch ein ordentlicher Verriss der unter dieser Grenze bleibt.

Wir müssen Gut neu denken!

Warum nicht hingehen und den Schrott von vorne rein ausblenden und sich einfach trauen die Spiele die sich jetzt in einen Wertungsbereich tummeln besser verteilen. Lasst uns doch einfach neu definieren was ein gutes Spiel überhaupt ist!

Das sorgt für eine wesentlich bessere Vergleichbarkeit. Denn selbst zwischen 60 und 100% ist die Verteilung ja nicht sauber. Das Meiste spielt sich zwischen 70% und 90% ab. Eine Wertung von 85 ist für viele Spieler schon eine ordentliche Enttäuschung bei einem vermeintlichen Top Titel. Dagegen ist die 88 oder 89 schon eine Wertung mit der man sich richtig gut schmücken kann. Wir reden hier von 3 oder 4 Prozentpunkten Unterschied. Trotzdem können sich im direkten Vergleich fast schon Abgründe auftun.

Nutzen wir jetzt statt die genannten 20 Prozentpunkte für gute Spiele plötzlich 100 werden die Unterschiede schon deutlicher.Damit machen wir letztendlich aus bisher guten Spielen schlechte Spiele. Wir verringern deren Zahl also einfach, indem wir den Schrott komplett außen vor lassen und gleichzeitig den Maßstab deutlich erhöhen. Das gibt außerdem Wertungen wieder Raum und verleit ihnen mehr Kraft.

Damit ihr nicht denkt ich bilde mir das nur ein, hier eine Übersicht über die Tests der Gamepro in den letzten 12 Monaten. Eingeteilt in Wertung und Anzahl der Spiele (Stand Ende April 2020):

  • 40+ – 1x
  • 50+ – 4x
  • 60+ – 7x
  • 70+ – 31x
  • 80+ – 45x
  • 90+ – 14x

Das macht 102 online gelistete Tests und davon 88% über 70% Wertung.

Mehr Subjektivität!

Auch wenn Wertungen von herausragenden Spielen, dies nicht immer widerspiegeln, bin ich für subjektivere Tests. Ein gutes Beispiel bei dem das nicht so gut geklappt hat ist sicherlich Dark Souls 1. Heute ist man sich weitgehend einig, dass es sich um den besten Teil der Reihe handelt. Vor allem wegen des genialen Leveldesigns, den Bossen und überhaupt. Das zeigte sich 2011 zum Release so allerdings nicht in den Wertungen. Die mehrfach zitierte Gamepro lag bei 83%.

Hier sind wir wieder bei gut, aber doch kein Meisterwerk. Spannend wäre zu sehen wie der Tester das heute sieht. Denn er war absolut nicht der Einzige der zurückhaltend bewertet hat. Das Konzept der Souls Reihe war relativ neu, abgesehen vom Vorgänger Demons Souls gab es da nicht viel. Was die Faszination des Prinzips ausmachte wurde oft einfach nicht richtig verstanden.

Aber ich bleibe dabei, Tester müssen sich trauen mehr eigene Meinung ein zu bringen. Das hat mehrere Vorteile. Zum einen bindet man die Leserschaft ein Menschen und nicht an eine quasi beliebige Marke. Klar kann der Redakteur abwandern, aber sorgt halt für gute Bedingungen, ich als Leser werde es auch danken.

Zum andern führt eben auch diese versuchte Objektivität zu dem engen Wertungsfeld. AAA-Spiele haben von Haus aus, bis auf wenige Ausnahmen, ein so solides technisches und spielerisches Gerüst, dass sie ihre mindestens 75% quasi schon in der Tasche haben.

Gibt es zu viele gute Spiele Red Dead Redemption 2

Ein weiteres Beispiel für ein objektiv brillantes Game ist Red Dead Redemption 2. Wie im Prinzip jeder Rockstar Titel heimste das Western Epos Traumwertungen ein. Wahnsinnig gute 96% gab es wieder bei der Gamepro. Damit eigentlich ein absoluter Pflichtkauf für alle Spieler. Es verkaufte sich auch prächtig, doch im Anschluss an den Kauf machte sich dennoch auffällig häufig Enttäuschung breit.

Red Dead Redemption 2 ist nämlich ängst nicht für jeden eine 96. Klar sieht es umwerfend gut aus und eine schönere Open World hat man wohl auch nicht gesehen. Trotzdem stören sich viele Gamer an der trägen Steuerung, den ewig langen Ritten durch die Welt und auch die Geschichte begeisterte längst nicht jeden. So kam es, dass das vermeintliche Meisterwerk auffällig oft nicht durchgespielt wurde.

Im Gegensatz zum aktuellsten GTA Teil, der seinerseits schon einige Jahre auf dem Buckel hat, findet RDR2 kaum noch statt da draußen. Klar beschäftigt der Multiplayer Modus immer noch so viele Freizeit Cowboys wie wenige andere Spiele, aber man sieht hier ganz klar eine Diskrepanz zwischen objektivem Ausnahmespiel und der subjektiven Realität. Auch ein 99% Spiel wird immer irgendwem, aus welchen Gründen auch immer, nicht gefallen. Trotzdem fällt es hier besonders stark auf.

Eine entsprechend subjektive Herangehensweise hätte den genannten 96% Test vielleicht nicht verändert, aber ich bin mir sicher, die Medienlandschaft wäre sich bei weitem nicht so einig gewesen und hätte sicherlich einige Käufer vor einem Fehlkauf bewahrt.

Das war mein Plädoyer für weniger gute Videospiele. Auch wenn der Titel bewusst provokant gewählt wurde, denke ich, dass wir hier ein reelles Problem haben. Jetzt möchte ich unbedingt wissen wie ihr das seht? Konntet ihr euch in meinem Artikel erkennen?

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